Das Lehramt
Das katholische Lehramt verstehen: Ein Leitfaden für Anfänger
Vielen Katholiken ist nicht wirklich klar, was das Lehramt der Kirche eigentlich ist – dabei ist es für das ganze Glaubensleben entscheidend. Jesus Christus hat seine Kirche gegründet und den Aposteln, allen voran Petrus, die Vollmacht gegeben, in seinem Namen verbindlich zu lehren und zu entscheiden:
„Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.“ Matthäus 16,18-19
Das ist keine spätere Erfindung: Schon beim ersten Konzil der Kirchengeschichte, dem Apostelkonzil in Jerusalem, versammelten sich die Apostel unter der Führung des Petrus, entschieden verbindlich über eine strittige Glaubensfrage und verkündeten ihr Urteil den Gemeinden:
„Der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzuerlegen als diese notwendigen Dinge.“ Apostelgeschichte 15,28
Papst und Lehramt waren also von Anfang an da – und wurden von den ersten Christen als verbindlich anerkannt. Deshalb schreibt der heilige Paulus auch nicht, die Bibel allein sei „Säule und Fundament der Wahrheit“, sondern die Kirche:
„…die Kirche des lebendigen Gottes, Säule und Fundament der Wahrheit.“ 1 Timotheus 3,15
Die Fülle der geoffenbarten Wahrheit liegt also nicht in einem Buch allein, sondern in der lebendigen, lehrenden, vom Heiligen Geist geleiteten Kirche.
Warum reicht die Schrift allein nicht?
Die Bibel selbst warnt davor, sich auf das eigene Bibelverständnis zu verlassen. Petrus schreibt über die Briefe des Paulus:
„In ihnen ist manches schwer zu verstehen und die Unwissenden und Ungefestigten verdrehen es, wie auch die übrigen Schriften, zu ihrem eigenen Verderben.“ 2 Petrus 3,16
Es geht hier nicht um böswillige Fälscher, sondern um Menschen, die die Schrift ernsthaft lesen und trotzdem falsch verstehen – und zwar so, dass es ihre Seele kostet. Deshalb stellt derselbe Brief zuvor klar: „Keine Weissagung der Schrift ist Sache eigenmächtiger Auslegung“ (2 Petr 1,20). Wenn aber die Schrift verdreht werden kann und die eigene Auslegung nicht genügt, dann muss es eine Instanz geben, die verbindlich sagt, was richtig ausgelegt ist. Genau das ist das vom Heiligen Geist geleitete Lehramt.
Dazu kommt: Viele Fragen sind im Detail gar nicht eindeutig aus der Bibel allein zu entscheiden (ausführlicher dazu im Artikel Sola Scriptura). Manche Themen gab es zur Zeit Jesu oder der Apostel so noch gar nicht – etwa künstliche Befruchtung (IVF) oder Gentechnik. Andere gab es zwar schon, wurden aber in der Schrift selbst nie ausdrücklich entschieden – etwa die Sklaverei, die heute sonnenklar als Unrecht gilt, aber in der Bibel nirgends verboten wird. Manchmal war es die mündliche Lehre der Apostel selbst, die eine Frage klärte, ohne dass sie im biblischen Kanon steht: Schon die Didache und, fast wortgleich, der Barnabasbrief – beide Schriften aus der unmittelbaren nachapostolischen Zeit – verurteilen eindeutig die Abtreibung:
„Du sollst kein Kind durch Abtreibung töten, noch es nach der Geburt umbringen.“ Didache 2,2; Barnabasbrief 19
Ebenso lehrte Clemens von Alexandrien schon um 195 n. Chr. – fast 200 Jahre bevor der biblische Kanon feststand – gegen künstliche Verhütung:
„Geschlechtsverkehr zu einem anderen Zweck als der Zeugung von Kindern zu haben heißt, der Natur Gewalt anzutun.“ Clemens von Alexandrien, Paedagogus II,10 (91,2)
Was Tradition eigentlich ist
„Tradition“ klingt für viele nach alten Bräuchen, Weihrauch und Gewohnheit. Das Wort bedeutet aber schlicht Weitergabe (lateinisch traditio, griechisch parádosis) – und genau in diesem Sinn gebraucht es der heilige Paulus, der beides nebeneinanderstellt: das mündlich Weitergegebene und das Geschriebene.
„Haltet also stand, Brüder und Schwestern, und haltet fest an den Überlieferungen, in denen wir euch unterwiesen haben, sei es mündlich, sei es durch einen Brief!“ 2 Thessalonicher 2,15
Entscheidend ist, wer da weitergibt. Die Apostel haben Jesus persönlich gekannt: sie haben gehört, in welchem Ton er etwas gesagt hat, was er damit gemeint hat, wie er es selbst gelebt hat. Diese Männer haben Schüler gehabt, und diese Schüler wiederum Schüler – und bis dorthin ist die Kette erstaunlich kurz:
- Klemens von Rom schreibt um 96 n. Chr. nach Korinth, um einen Streit zu schlichten – nach Irenäus ist er der dritte Nachfolger des Petrus in Rom.
- Ignatius von Antiochien schreibt um 107 n. Chr. auf dem Weg zu seiner Hinrichtung sieben Briefe; von ihm stammt die erste überlieferte Verwendung des Ausdrucks „katholische Kirche“ (Smyrnäer 8,2).
- Polykarp von Smyrna, gestorben um 155 n. Chr., war nach übereinstimmendem Zeugnis der Alten ein Schüler des Apostels Johannes.
- Irenäus von Lyon, der um 180 n. Chr. schreibt, war als junger Mann Schüler des Polykarp – und hat damit einen Mann gehört, der einen Apostel gehört hat.
Irenäus beruft sich ausdrücklich darauf, dass er diesen Zeugen noch persönlich begegnet ist:
„Polykarp wurde nicht nur von Aposteln unterrichtet und verkehrte mit vielen, die den Herrn gesehen hatten, sondern er wurde auch von Aposteln für Asien als Bischof in der Kirche von Smyrna eingesetzt.“ Irenäus von Lyon, Adversus Haereses III,3,4 (um 180 n. Chr.)
Darin liegt der eigentliche Punkt. Wenn zwei Menschen heute über die Bedeutung eines Bibelverses streiten, greifen beide zu Wörterbuch, Kommentar und eigenem Urteil – über einen Abstand von zweitausend Jahren, aus einer anderen Sprache und einer völlig anderen Kultur heraus. Wer dagegen den Apostel selbst gehört oder dessen Schüler gekannt hat, musste nicht rekonstruieren, was gemeint war: Er wusste es noch. Irenäus stellt genau diese Frage – und gibt die Antwort, die die Kirche bis heute gibt:
„Was aber, wenn uns die Apostel keine Schriften hinterlassen hätten? Müsste man dann nicht der Ordnung der Überlieferung folgen, die sie denen übergeben haben, welchen sie die Kirchen anvertrauten?“ Irenäus von Lyon, Adversus Haereses III,4,1
Hier ist eine Abgrenzung wichtig, damit kein Missverständnis entsteht: Didache, Klemens- und Barnabasbrief sind nicht Heilige Schrift und nicht inspiriert. Sie sind keine zweite Offenbarungsquelle neben der Bibel, und einzelne Väter konnten sich auch irren – manche haben es nachweislich getan. Ihr Gewicht ist ein anderes: Sie sind Zeugen, nicht Quelle. Sie zeigen uns, was die Kirche in unmittelbarer Nähe zu den Aposteln tatsächlich geglaubt und praktiziert hat – und das engt ein, was ein biblischer Text vernünftigerweise bedeuten kann. Eine Auslegung, die im Jahr 1520 oder 2025 erfunden wird und der die gesamte Kirche des ersten Jahrhunderts widerspricht, hat die Beweislast gegen sich.
Und wo diese frühen Zeugen nicht bloß vereinzelt, sondern einmütig dasselbe bezeugen, spricht die Kirche vom Konsens der Väter. Das ist kein frommes Zusatzargument, sondern bereits eine Form dessen, was weiter unten als ordentliches und universelles Lehramt beschrieben wird: eine Lehre, die überall, immer und von allen gehalten wurde, ist auch dann verbindlich, wenn sie nie feierlich definiert wurde.
Genau deshalb braucht es neben der Schrift eine objektive Instanz, die diese Tradition bewahrt und verbindlich klarstellt, wie eine Sache einzuordnen ist – denn das eigene Gewissen allein ist dafür ein schlechter Maßstab. Das Gewissen kann irren, sich täuschen oder abstumpfen; es muss von der Wahrheit geformt werden, nicht umgekehrt die Wahrheit vom Gewissen (vgl. KKK 1783-1785). Genau dafür gibt es das Lehramt: damit der Gläubige sich nicht auf sein eigenes, oft unsicheres Urteil verlassen muss, sondern sich auf eine Autorität stützen kann, die von Christus selbst mit dieser Aufgabe betraut wurde.
Was ist das Lehramt?
Das Lehramt ist die Lehrautorität der katholischen Kirche, bestehend aus dem Papst und dem Kollegium der Bischöfe, die die Lehren der Schrift und Tradition bewahrt und interpretiert. Die Schrift ermahnt die Gläubigen auch dazu, an gesunden Lehren festzuhalten, die von vertrauenswürdigen Führern überliefert wurden:
„Als Vorbild gesunder Worte halte fest, was du von mir gehört hast.“ 2 Timotheus 1,13
„Was du vor vielen Zeugen von mir gehört hast, das vertraue zuverlässigen Menschen an, die fähig sein werden, auch andere zu lehren!“ 2 Timotheus 2,2
Diese Vollmacht gab Christus nicht nur Petrus allein. Dieselbe Binde- und Lösegewalt sprach er in der Jüngerrede dem ganzen Kreis der Apostel zu – die biblische Wurzel dafür, dass das Lehramt aus Papst und Bischofskollegium besteht:
„Amen, ich sage euch [den Jüngern]: Alles, was ihr auf der Erde binden werdet, das wird im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf der Erde lösen werdet, das wird im Himmel gelöst sein.“ Matthäus 18,18 (vgl. Mt 18,1)
Er beauftragte die Apostel, alle Völker in seiner Autorität zu lehren, und verhieß ihnen seinen bleibenden Beistand:
„Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern […] und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ Matthäus 28,18-20
Diesen Auftrag sollten die Apostel aber nicht aus eigener Kraft erfüllen. Beim Letzten Abendmahl versprach Jesus ihnen einen Beistand, der bleiben würde – über ihren Tod hinaus:
„Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll, den Geist der Wahrheit.“ Johannes 14,16-17
Dieser Beistand hat einen klar benannten Auftrag – lehren und bewahren, nicht Neues erfinden:
„Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ Johannes 14,26
„Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten.“ Johannes 16,13
Diese Verheißung blieb kein Versprechen: Sie wurde an Pfingsten eingelöst.
„Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. […] Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt.“ Apostelgeschichte 2,1.4
Pfingsten ist damit die Geburtsstunde der Kirche – und der Tag, an dem die Apostel die zugesagte Hilfe tatsächlich empfingen. Genau deshalb konnten sie auf dem Apostelkonzil den Satz schreiben, der ganz am Anfang dieses Artikels steht: nicht „wir haben uns geeinigt“, sondern „der Heilige Geist und wir haben beschlossen“ (Apg 15,28). Die Apostel waren sich bewusst, dass in ihrer Entscheidung noch ein anderer mitentschied.
Darauf – und nur darauf – beruht die Unfehlbarkeit des Lehramts: nicht auf der Klugheit, Gelehrsamkeit oder Heiligkeit der Amtsträger, sondern auf dem Versprechen Christi, dass sein Geist diese Kirche im Entscheidenden nicht irren lässt. Ein Papst kann persönlich ein schlechter Mensch sein; die Zusage gilt trotzdem, weil sie nicht ihm, sondern dem Amt gilt.
Wichtig ist: Das Lehramt steht nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm. Es lehrt nur das, was es an Offenbarung – schriftlich oder mündlich überliefert – empfangen hat, bewahrt es fromm und legt es getreu aus, kraft eines einzigen göttlichen Auftrags (vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Dei Verbum 10). Mit dem Tod des letzten Apostels ist die öffentliche Offenbarung abgeschlossen; das Lehramt erfindet keine neuen Wahrheiten, sondern bewahrt und entfaltet den überlieferten Glaubensschatz (depositum fidei). Hier sind die Stufen des Lehramtes.
1) Ordentliches und universelles Lehramt
Das ordentliche und universelle Lehramt bezieht sich auf die beständigen und weit verbreiteten Lehren der Katholiken, in Einheit mit dem Papst, über Glaubens- und Sittenfragen im Laufe der Zeit. Diese Lehren gelten in der katholischen Kirche als unfehlbar. Der Papst allein kann das ordentliche und universelle Lehramt nicht ausüben.
Papst Pius IX. schrieb in seinem Brief Tuas Libenter (1863) an den Erzbischof von München:
„[Der göttliche Glaube] müsste sich nicht nur auf jene Angelegenheiten beschränken, die durch ausdrückliche Dekrete von ökumenischen Konzilien oder von den römischen Päpsten und dem Apostolischen Stuhl definiert wurden, sondern müsste auch auf jene Angelegenheiten ausgedehnt werden, die vom ordentlichen Lehramt der gesamten, über die Welt verteilten Kirche als göttlich offenbart überliefert und daher von der universalen und beständigen Übereinstimmung der katholischen Theologen als zum Glauben gehörend gehalten werden.“ Pius IX., Tuas Libenter (1863); DH 2879
Vatikan I erklärt:
„All jene Dinge sind mit göttlichem und katholischem Glauben zu glauben, die im Wort Gottes enthalten sind, geschrieben oder überliefert, und die von der Kirche, entweder in feierlichem Urteil oder durch ihr ordentliches und universelles Lehramt, als göttlich offenbart zum Glauben vorgeschlagen werden.“ Erstes Vatikanisches Konzil, Dei Filius 3; DH 3011
Hier sind einige Beispiele:
- Der Kanon der Heiligen Schrift war bereits in seinem ordentlichen und universellen Lehramt unfehlbar, bevor er beim Konzil von Trient feierlich als unfehlbar erklärt wurde.
- Ebenso war die Lehre von der Dreifaltigkeit bereits eine unfehlbare Lehre der Kirche, bevor sie beim Konzil von Nicäa formell definiert wurde, da es der universelle Glaube der Kirche schon vor der Arianischen Kontroverse war.
- Die Verurteilungen der Kirche in Bezug auf Abtreibung, Euthanasie und Verhütung sind ebenfalls durch ihr ordentliches und universelles Lehramt unfehlbar, da sie im Laufe der Geschichte konsequent von den Bischöfen gelehrt wurden, auch ohne formelle dogmatische Erklärung.
2) Außerordentliches Lehramt
Das außerordentliche Lehramt bezieht sich auf ex cathedra-Erklärungen, die vom Papst abgegeben werden, und dogmatische Definitionen durch ökumenische Konzilien zu Glaubens- und Sittenfragen.
„Der römische Pontifex, wenn er ex cathedra spricht... besitzt, durch die göttliche Hilfe, die ihm in dem seligen Petrus versprochen wurde, jene Unfehlbarkeit, die der göttliche Erlöser seiner Kirche gewährt hat...“ Erstes Vatikanisches Konzil, Pastor Aeternus, Kapitel 4
Ein Beispiel für unfehlbare Definitionen ist die Unbefleckte Empfängnis, definiert von Papst Pius IX. im Jahr 1854 (Ineffabilis Deus), und die Aufnahme Mariens in den Himmel, definiert von Papst Pius XII. im Jahr 1950 (Munificentissimus Deus).
Ökumenische Konzilien sind Zusammenkünfte, bei denen das Kollegium der Bischöfe, in Einheit mit dem Papst, eine Lehre über Glauben und Moral auf einer kirchenweiten Versammlung definiert, was ebenfalls als unfehlbar gilt. Gemäß dem Kodex des kanonischen Rechts:
„Das Kollegium der Bischöfe besitzt ebenfalls Unfehlbarkeit in der Lehre, wenn die Bischöfe, die sich in einem ökumenischen Konzil versammeln, das Lehramt als Lehrer und Richter des Glaubens und der Sitten ausüben und für die universale Kirche erklären, dass eine Glaubens- oder Sittenlehre definitiv festzuhalten ist.“ CIC 749 §2
Die katholische Kirche lehrt, dass der Papst nur in zwei Situationen unfehlbar ist:
- Wenn er ex cathedra (vom Stuhl Petri aus) spricht.
- Wenn er in Einheit mit den Bischöfen auf einem ökumenischen Konzil über Glaubens- und Sittenfragen lehrt.
Außerhalb dieser beiden Fälle kann der Papst schwerwiegende Fehler in seinen Lehren machen und unmoralische Handlungen begehen.
Wir können eine unfehlbare Lehre erkennen, wenn sie von der gesamten Kirche klar akzeptiert und offenkundig evident ist. Der Kodex des kanonischen Rechts sagt ebenfalls:
„Keine Lehre wird als unfehlbar definiert verstanden, es sei denn, dies ist offenkundig evident.“ CIC 749 §3
Achten Sie auf das Schlüsselwort: „offenkundig“. Das bedeutet, wenn der Papst etwas Kontroverses, Fragwürdiges oder Unklares sagt und man nicht sieht, dass die Bischöfe die gesamte Kirche anweisen, es zu glauben, dann ist klar, dass er nicht unfehlbar sprach.
3) Ordentliches Lehramt
Das ordentliche Lehramt bezieht sich auf Lehren, die autoritativ, aber nicht unfehlbar sind. Einige Beispiele wären die Ansichten zur Todesstrafe, die Fastenregeln während der Fastenzeit, der Zölibat der Priester usw. Es handelt sich um disziplinarische Lehren, die Änderungen unterliegen können, im Gegensatz zu den unfehlbaren Lehren des ordentlichen universellen und außerordentlichen Lehramts, die nicht geändert werden können.
Enzykliken, apostolische Ermahnungen und Predigten fallen typischerweise in die Kategorie des ordentlichen, nicht unfehlbaren Lehramts, es sei denn, sie definieren ausdrücklich eine Lehre als unfehlbar.
Katholiken sind dennoch verpflichtet, diesen Lehren mit ihrem Verstand und Willen zuzustimmen, auch wenn sie nicht unfehlbar sind. Diese Haltung nennt die Kirche obsequium religiosum („religiöse Unterordnung“ von Verstand und Willen, vgl. CIC 752) – zu unterscheiden vom assensus fidei („Glaubenszustimmung“), der den unfehlbaren Dogmen aus 1) und 2) geschuldet ist. Bei einem Dogma glaubt man mit göttlichem und katholischem Glauben, dass es wahr ist; bei einer authentischen, nicht-unfehlbaren Lehre ordnet man sich der Autorität des Lehramts unter, auch ohne dass die Lehre selbst als unfehlbar definiert wäre.
Die Kirche erklärt:
„Es ist auch zu beachten, dass alle Akte des Lehramts von derselben Quelle stammen, nämlich von Christus, der möchte, dass sein Volk in der ganzen Wahrheit wandelt. Aus diesem Grund sind lehramtliche Entscheidungen in Disziplinarfragen, auch wenn sie nicht durch das Charisma der Unfehlbarkeit garantiert sind, nicht ohne göttliche Hilfe und fordern den Gehorsam der Gläubigen.“ Donum Veritatis, 17
Der heilige Paulus befiehlt uns, uns unseren Führern in der Kirche zu unterwerfen:
„Gehorcht denen, die über euch herrschen, und seid untertan; denn sie wachen über eure Seelen als solche, die Rechenschaft geben müssen. Lasst sie dies mit Freude tun und nicht mit Seufzen, denn das wäre euch nicht nützlich.“ Hebräer 13,17
Wer sich im Gehorsam an das Lehramt hält, darf darauf vertrauen, dass ihm dies zum Heil seiner Seele gereicht – auch wenn er eine einzelne Anordnung nicht sofort versteht. Wer sich hingegen bewusst und beharrlich gegen eine klare Weisung des Lehramts entscheidet, gefährdet damit sein Seelenheil, denn er entzieht sich der Führung, die Christus seiner Kirche zu genau diesem Zweck gegeben hat.
Unterscheidung
Nicht jede Äußerung des Papstes ist Lehramt. Private Meinungen, Interviews, spontane Bemerkungen bei Pressekonferenzen oder homiletische Randbemerkungen zählen nicht zum Lehramt – auch nicht zu dessen unterster, nicht unfehlbarer Stufe. Lehramtlich ist nur, was der Papst oder ein Bischof in Ausübung seines Lehramtes, also amtlich und mit erkennbarer Lehrabsicht, vorträgt.
Ein einfacher Weg, um zu überprüfen, ob der Papst in seinem ordentlichen, nicht unfehlbaren Lehramt oder außerhalb seines Lehramtes spricht, ist, nach einer päpstlichen Unterschrift am Ende des Dokuments zu suchen.
Mit Unterschrift: Zum Beispiel sind die Soziallehren der Kirche, wie in der Enzyklika Laudato Si’ (2015) von Papst Franziskus, nicht unfehlbar. Jedoch bestätigt die päpstliche Unterschrift am Ende, dass diese Lehre dennoch lehramtlich und autoritativ ist.
Ohne Unterschrift: Im Gegensatz dazu, bei der Kontroverse während des interreligiösen Treffens des Papstes mit jungen Menschen in Singapur, gab es keine päpstliche Unterschrift, was ein Hinweis darauf ist, dass er außerhalb seines lehramtlichen Amtes sprach.